Beamte sollen bis 68 arbeiten!
17.04.10 / Express
 
Beamte sollen bis 68 arbeiten!
 
Bernd Raffelhüschen (Prof. für Finanzwissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg) fordert:
„Beamte sollen bis 68 arbeiten und weniger Pension bekommen.“

 


Gerade die gezogenen Vergleiche zwischen der Überalterung und der angeblich längeren Lebenserwartung bei Beamten erzürnen uns besonders!
 
Denn bei uns Staatsbediensteten gäbe es ein ganz spezielles Risiko: "[...] Beamte leben länger. [...]"
Eine Frechheit, stimmt es doch gerade bei Polizeibeamten im besonderem Maße NICHT!
  
Lesen Sie selbst den Artikel beim Express: -hier-

 
Herr M. T., Kollege aus Bonn und Aktion WIR! e.V. - Mitglied schreibt dazu:
  
"Sehr geehrter Dr. Raffelhüschen,

ich habe im "Express" (17.04.2010) von Ihrer Auffassung gelesen, dass Beamte bis 68 arbeiten sollten. Da ich selbst Polizeibeamter bin, erlaube ich mir, Ihnen dazu meine Meinung zu schreiben.

Die Polizei des Landes NRW leidet neben akutem Personalmangel auch an einer erheblichen Überalterung. Diese Probleme treten sowohl im Ermittlungsdienst, als auch im Wach- und Wechseldienst auf. Beides ist sicherlich auf eine verfehlte Nachwuchspolitik der Landesregierung zurück zu führen. Man hätte bereits seit Jahren deutlich mehr Berufsbewerber einstellen müssen.

Es ist leider mittlerweile so, dass es viele Kolleginnen und Kollegen gibt, die bis zur Pensionierung ihren Dienst "auf der Straße" versehen müssen. Eine Belastung, der sie kaum gewachsen sein dürften.

Ich teile Ihre Sorge wegen der Finanzierbarkeit der Renten und Pensionen. Den Einwand aber, dass Beamte keinen Beitrag zur Altersversorgung leisten, kann ich so nicht akzeptieren. Bereits seit 1951 ist die Besoldung der Beamten mit Rücksicht auf die Versorgung durch den sog. "Eckmann-Vergleich" niedriger gehalten. Der vom Staat zur Sicherung der Pensionen einbehaltene, den Beamten vorenthaltene und nicht ausgewiesene Gehaltsbestandteil liegt bei dem so genannten Eckmann-Vergleich bei etwa 7 %. Diese seinerzeit einbehaltenen 7% fehlen seither aus Gründen der Pensionssicherung. Wenn die Politik dieses Geld anderweitig verbraucht und nicht in eine solche Kasse einbezahlt hat, kann das sicher nicht den Beamten nachteilig oder gar missgönnerhaft vorgeworfen werden.

Die Liste der Kürzungen der letzten Jahre erspare ich mir hier darzustellen, da ich davon ausgehe, dass sie Ihnen bekannt ist. Sicher, viele andere Berufsgruppen in unserer Gesellschaft sind davon auch betroffen. Ich halte es nur nicht für legitim, die Beamten als eine Art Schmarotzer einzustufen, die ja "so viele" Vorteile genießen, ohne dafür einen Beitrag zu leisten.

Die Polizei ist durch Personaleinparungen, Altersproblematiken und fortschreitende Demotivation mittlerweile so geschwächt, dass sie ihren Aufgaben oft kaum noch nachkommen kann.

Die veröffentlichten Aussage, dass die Beamten im Durchschnitt 2 Jahre länger leben und daher folgerichtig auch länger arbeiten müssten, ist nach meinem ethischen Verständnis menschenverachtend. Gibt es eine Obergrenze der Lebensberechtigung?
Ich fühle mich dabei sehr stark an Aussagen der sog. "Hartmann-Kommission" erinnert. Sie beschäftigte sich u.a. mit dem Thema Frühpensionierung. Auch hier hatte man festgestellt, dass Frühpensionierte eine statistisch höhere Lebenserwartung haben und daher länger Pension beziehen. Fazit der Kommission: "Frühpensionierungen ist entschieden entgegen zu wirken!"

Oder anders ausgedrückt: Wir müssen dafür sorgen, dass Beamte länger arbeiten damit sie nach ihrer Pensionierung möglichst schnell sterben.

Mein alter Hund, der lange Jahre treu war, wird von mir gepflegt, damit er noch lange lebt und möglichst Freude hat. Er bringt keine "Leistung" mehr, ist einfach nur noch da. Aber ich käme nie auf den Gedanken, dafür zu sorgen, dass er möglichst schnell stirbt, um die Futterkosten zu sparen. Wir Beamte sind offenbar weniger wert als ein Hund. Wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, sollen Beamte bitteschön schnell sterben, damit sie keine Kosten mehr verursachen.

Sie werden sicher verstehen, dass mich solche Aussagen über die Lebenserwartung i.V.m. der Lebensarbeitszeit nicht gerade fröhlich stimmen. Ich leiste seit 32 Jahren täglich Dienst im Sinne der Gesellschaft, lasse mich vom Pöbel beschimpfen, bespucken, beleidigen, habe oft genug mein Leben riskiert. Und das alles, um zusätzlich noch als Schmarotzer dargestellt zu werden, der "leider" zu alt wird?! Dankeschön!

MfG

M. T."
 
Anm. des Verfassers: in der Email würde irrtümlich eine falsche Quellenangabe verwendet. Die zitierte Aussage der "Hartmann-Kommission" stammt tatsächlich aus der "Kommission für eine nachhaltige Finanzpolitik in Nordrhein-Westfalen" aus dem Jahr 2006. Diese verarbeitet in ihrem Abschlussbericht lediglich Aussagen der "Hartmann-Kommission".
 

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  Kommentare (1)
 1 Express und Bild -> vergleichbares Nivea
Geschrieben von: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können , am 13-05-2010 17:59
 
Schade, dass nicht differenziert wird. Beamte sind nicht uneingeschränkt untereinander vergleichbar... 
 
Schon deswegen wäre ein Zulagensystem, das diese Bezeichnung auch tatsächlich verdient, lange überfällig. Alternativ könnten Beamte innerhalb der gefahrengeneigten Berufsgruppen auch ein völlig eigenständiges Besoldungs- und Pensionssystem einfordern, das den entsprechenden Unterschieden hinreichend Rechnung trägt...  
 
Frech ist es jedenfalls, einmal mehr alle Beamten in einen Topf zu stecken und der Leserschaft das Bild des fetten, faulen - und jetzt auch noch zu lange lebenden - Beamten zu suggerieren. 
 
Dass wir alle sogar um Beiträge für unsere Pensionsrücklagen beschissen wurden, diese sich sogar einfach "in Luft aufgelöst haben" kommt irgendwie gar nicht zur Sprache...

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