Express-ArtikelFolgendes habe ich Dr. Raffelhüschen dazu geschrieben: Sehr geehrter Dr. Raffelhüschen,
ich habe im "Express" (17.04.2010) von Ihrer Auffassung gelesen, dass Beamte bis 68 arbeiten sollten. Da ich selbst Polizeibeamter bin, erlaube ich mir, Ihnen dazu meine Meinung zu schreiben.
Die Polizei des Landes NRW leidet neben akutem Personalmangel auch an einer erheblichen Überalterung. Diese Probleme treten sowohl im Ermittlungsdienst, als auch im Wach- und Wechseldienst auf. Beides ist sicherlich auf eine verfehlte Nachwuchspolitik der Landesregierung zurück zu führen. Man hätte bereits seit Jahren deutlich mehr Berufsbewerber einstellen müssen.
Es ist leider mittlerweile so, dass es viele Kolleginnen und Kollegen gibt, die bis zur Pensionierung ihren Dienst "auf der Straße" versehen müssen. Eine Belastung, der sie kaum gewachsen sein dürften.
Ich teile Ihre Sorge wegen der Finanzierbarkeit der Renten und Pensionen. Den Einwand aber, dass Beamte keinen Beitrag zur Altersversorgung leisten, kann ich so nicht akzeptieren. Bereits seit 1951 ist die Besoldung der Beamten mit Rücksicht auf die Versorgung durch den sog. "Eckmann-Vergleich" niedriger gehalten. Der vom Staat zur Sicherung der Pensionen einbehaltene, den Beamten vorenthaltene und nicht ausgewiesene Gehaltsbestandteil liegt bei dem so genannten Eckmann-Vergleich bei etwa 7 %. Diese seinerzeit einbehaltenen 7% fehlen seither aus Gründen der Pensionssicherung. Wenn die Politik dieses Geld anderweitig verbraucht und nicht in eine solche Kasse einbezahlt hat, kann das sicher nicht den Beamten nachteilig oder gar missgönnerhaft vorgeworfen werden.
Die Liste der Kürzungen der letzten Jahre erspare ich mir hier darzustellen, da ich davon ausgehe, dass sie Ihnen bekannt ist. Sicher, viele andere Berufsgruppen in unserer Gesellschaft sind davon auch betroffen. Ich halte es nur nicht für legitim, die Beamten als eine Art Schmarotzer einzustufen, die ja "so viele" Vorteile genießen, ohne dafür einen Beitrag zu leisten.
Die Polizei ist durch Personaleinparungen, Altersproblematiken und fortschreitende Demotivation mittlerweile so geschwächt, dass sie ihren Aufgaben oft kaum noch nachkommen kann.
Die veröffentlichten Aussage, dass die Beamten im Durchschnitt 2 Jahre länger leben und daher folgerichtig auch länger arbeiten müssten, ist nach meinem ethischen Verständnis menschenverachtend. Gibt es eine Obergrenze der Lebensberechtigung?
Ich fühle mich dabei sehr stark an Aussagen der sog. "Hartmann-Kommission" erinnert. Sie beschäftigte sich u.a. mit dem Thema Frühpensionierung. Auch hier hatte man festgestellt, dass Frühpensionierte eine statistisch höhere Lebenserwartung haben und daher länger Pension beziehen. Fazit der Kommission: "Frühpensionierungen ist entschieden entgegen zu wirken!"
Oder anders ausgedrückt: Wir müssen dafür sorgen, dass Beamte länger arbeiten damit sie nach ihrer Pensionierung möglichst schnell sterben.
Mein alter Hund, der lange Jahre treu war, wird von mir gepflegt, damit er noch lange lebt und möglichst Freude hat. Er bringt keine "Leistung" mehr, ist einfach nur noch da. Aber ich käme nie auf den Gedanken, dafür zu sorgen, dass er möglichst schnell stirbt, um die Futterkosten zu sparen. Wir Beamte sind offenbar weniger wert als ein Hund. Wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, sollen Beamte bitteschön schnell sterben, damit sie keine Kosten mehr verursachen.
Sie werden sicher verstehen, dass mich solche Aussagen über die Lebenserwartung i.V.m. der Lebensarbeitszeit nicht gerade fröhlich stimmen. Ich leiste seit 32 Jahren täglich Dienst im Sinne der Gesellschaft, lasse mich vom Pöbel beschimpfen, bespucken, beleidigen, habe oft genug mein Leben riskiert. Und das alles, um zusätzlich noch als Schmarotzer dargestellt zu werden, der "leider" zu alt wird?! Dankeschön!
MfG
M. T.
P.S.:
Ich stelle diese Email ebenfalls in das interne Forum des Aktion WIR! e.V. (
http://www.aktionwir.de ) ein. Vielleicht sind Sie einverstanden, wenn ich eine evtl. Antwort von Ihnen dort ebenfalls nachreiche.